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Ein bisschen morbid: St. Moritz im April

Ich war gestern in St. Moritz. Allein der Weg dahin war den Ausflug wert, auch wenn mich immer wieder dicke Suvs fast anschubsen wollten. Keine Chance, mein Spuckerle kann nicht schneller – und ich will eigentlich auch gar nicht. Ich mag schauen und genießen.  Im Winter würde ich die stundenlange, kurvenreiche Fahrt ab der Autobahnausfahrt nicht fahren mögen, Mutige haben sicher ihren Spaß daran.

Ankunft in St. Moritz nach zweieinhalb Stunden Fahrzeit. Es ist trotz der Sonne kühl, aber der See taut schon langsam auf. Viele der großen alten Hotels stehen wie verloren herum, an den Türen Zettel auf denen man lesen kann, dass sie geschlossen sind. Hätte ich auch so erraten.

Die Reichen und die Schönen, für die St. Moritz bekannt ist, sind schon weiter gezogen, fahren wohl mit ihren Yachten irgendwo in der Südsee herum. Übrig geblieben sind ein paar ältere Herrschaften, warm eingemummt auf der Terrasse des Cafe Hauser sitzend, hin und wieder asiatisch aussehende Grüppchen mit riesigen Objektiven an den Kameras – und ich mit meiner Handycam. Die Schaufensterpuppen schauen wohl das ganze Jahr mit dem gleichen Gesichtsausdruck hinaus auf die Gassen, sensible Bummler wie ich meinen, leicht traurige Züge zu orten. Verständlich, sie werden ihre Outfits wohl noch länger tragen müssen, die Klientel, die jetzt flaniert, wird eher nicht die geforderten Beträge dafür locker machen: Da steht bei einem luftigen Kleidchen schon mal 2220 SFR auf dem Preisschild (Valentino), im Geschäft daneben möchte Cavalli für eine Bluse 1405 Franken. Ein Badeanzug in einem anderen Geschäft scheint mir mit 900 Franken vergleichsweise günstig, immerhin ist er mit vielen Perlen verziert und die werden eher nicht aus Holz sein. Bei manchen dieser teuren Dinger frage ich mich, ob sie nicht auch einen würdigen Platz in der Ausstellung „Vulgär“ in Wien einnehmen könnten. Dagegen sind die Mädls, die aus den Schaufenstern beim Grand Hotel Barutt schauen, schon einen zweiten und dritten Blick wert, man fragt sich, wie viele Stunden man da genäht hat. Aber bei denen steht nicht einmal ein Preis dabei.

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Und dann stutze ich plötzlich. Gerade habe ich ein hübsches Mohair-Jäckchen bewundert, mein Blick wandert nach unten, sucht das Preisschild und findet das:

Für mich zu weit weg, aber ich fände es schon interessant, die Diskussion zu hören. Dass der Onlinehandel die große Konkurrenz ist, kann ich mir bei  betuchten Leuten schlecht vorstellen. Aber möglicherweise sind diese richtig reichen Gäste nicht mehr so zahlreich und vor allem nicht mehr so lange in St. Moritz? An vielen der riesigen Hotelpalästen sieht man, dass der Zahn der Zeit nagt. Das legendäre Hotel Palace Barutt hat immerhin schon 120 Jahre auf dem Buckel und jene Gäste, die Vater und Sohn damals mit weltweit einzigartigen Dingen lockte, sind wohl schon verstorben. Auf der anderen Straßenseite gibt es einige Tafeln, die von den verrückten Dingen erzählen, mit denen Gäste damals angelockt wurden: dass in dem Hotel schon vor hundert Jahren eine Tennishalle war, dass es den weltweit ersten schwarzen Butler gab, dass ein Gast seine Frau zum Geburtstag mit einem Elefanten überraschte, der dann doch nicht ganz zur Tür hinein passte….. Auch wenn das Hotel und sein Service immer noch höchstes Lob erntet – ein bisschen verstaubt wirkt es auf mich trotzdem. Hinein kann ich nicht, das Hotel macht Schönheitsschlaf.

Ich darf aber in ein anders Hotel hinein schauen, „nur“ vier Sterne, aber ebenfalls recht betagt. Erbaut wurde das Rein Victoria bereits 1875, die Besitzer haben irgendwann wohl den Anschluss verpasst und das Hotel ist in einen Dornröschenschlaf versunken. In den letzten Jahren wurde es entstaubt und sogar ich, die auf klare moderne Hotels steht, bin seinem Charme gleich beim Betreten der Empfangshalle verfallen. Dass ich in das Hotel hinein konnte, obwohl auch hier Saisonsschluss war, und sogar eines der Zimmer besichtigen konnte, verdanke ich meinem Sohn. Und dass ich dort einen beeindruckenden Abend verbringen durfte, verdanke ich Origen. Aber das ist ein eigenes Posting wert.

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Leider ist das Preisniveau in der Schweiz für normalsterbliche Österreicherinnen ziemlich hoch, aber ich schließe nicht aus, dass ich mir mal ein paar Tage im nostalgischen Rein Victoria gönne.

Wenn du ebenfalls Lunte gerochen hast, hier noch ein paar Links:

Anekdoten um das Gran Hotels Barutt

Zur Architektur von Reine Victoria (Zur Homepage findest du dann selbst)

Wie St. Moritz ist, wenn der Bär steppt, erzählt Flyingfox

Auch Marcel findet St. Moritz viel eher stylisch als morbid.

Und natürlich gibt es auch eine offizielle Seite

Nach St. Moritz kommt man auch mit der Bahn. Das soll ein ganz tolles Erlebnis sein.

 

6 Kommentare

  1. Wow!!
    So ein toller und authentischer Artikel!
    Macht total Spaß zu lesen!! 🙂
    Vielen Dank für die Verlinkungen und ich hoffe, du hattest trotz allem eine schöne Zeit!
    Liebste Grüße, Katrin

  2. Ich liebe auch diese Art der Morbidität (vielleicht etwas was uns Österreichern besonders liegt). Ich liebe auch mondäne Grand Hotels. Habe auch etwas über das Grand Hotel in Piestany/SK auf meinem Blog. – lg

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  3. Sehr schön geschrieben!
    Die Diskussion über das Ladensterben hätte mich auch sehr interessiert. Leider aber so kurzfristig – morgen – nicht umsetzbar… und wie du schon schreibst. Das Preisniveau ist für den Normalo doch sehr hoch. Habe eben drei Tage bei einer ehemaligen Schulkameradin am Züricher See verbracht – wohooo!
    Aber im Sommer mit der Bahn – das wollen wir mal machen 😀
    Viele Grüße von uns 3

    1. Ja, die Bahnfahrt möchte ich auch noch machen. Wird halt ein bisschen Glückssache sein, bei welchem Wetter man fährt. Ich drücke uns allen schon mal Daumen.

      Die Preise sind schon seeehr gewöhnungsbedürftig. Allein geht es ja noch, aber mit Familie fliegen die Geldscheinchen nur so dahin.

      Liebe Grüße vom Bodensee.

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